Selbstoptimierung – Teil 1: Die guten Vorsätze

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Eigentlich wollte ich zum Thema „Warum das mit der Selbstoptimierung oft nicht nachhaltig ist“ schreiben. Bei der Recherche zum Thema stieß ich jedoch auf ein paar interessante Zahlen zum Thema „Gute Vorsätze“. Und da „Gute Vorsätze“ oft einen Einstieg in das Thema „Selbstoptimierung“ darstellen, dachte ich, ich beginne zunächst einmal damit diese Zahlen zu präsentieren und die Frage zu stellen „Warum überhaupt gute Vorsätze?“

Gute Vorsätze – Die Zahlen

Jeder Dritte fasst gute Vorsätze fürs neue Jahr
Jeder dritte ab 18 Jahren fasst gute Vorsätze für 2021 (Statista)

Beobachtung 1 – Vermutlich sind beim Thema „Welche Vorsätze?“ Mehrfach-Antworten erlaubt.

Beobachtung 2 – Bei vermutlich der selben Umfrage (Zeitraum und Personenanzahl stimmt überein). Haben in der rechten Auswertung über 60% gute Vorsätze

Jeder Sechste will 2021 umweltbewusster leben
Mindestens jeder dritte ab 18 Jahren will sich in 2021 gesünder Ernähren oder mehr Sport treiben (Statista)
Wie lange die guten Vorsätze halten
Bei etwa 40% der Befragten haben die guten Vorsätze in 2019 maximal ein Monat gehalten. Das sind ~46% aller mit guten Vorsätzen. (Statista)

Zur Einordnung der Zahlen

  • Deutschland hat etwa 83,2 Mio Einwohner (Statista)
  • Davon sind rund 13,7 Mio. minderjährig (Statista)
  • Bleiben also rund 69,5 Mio. Volljährige.
  • Davon fassen also mindestens 23 Mio. gute Vorsätze für’s neue Jahr (~30%, siehe oben)
  • Etwa 29% der über 16 Jährigen nutzen zumindest gelegentlich einen Fitnesstracker (Statista)
  • Das sind also knapp 6,7 Mio Menschen, die in Deutschland einen Fitnesstracker haben und sich gute Vorsätze fürs neue Jahr nehmen.
  • Bei etwa 3 Mio Menschen davon (~46%) halten die guten Vorsätze nicht länger als ein Monat.

Man möge mir die laienhafte statistische Auswertung und die dadurch resultierenden Verzerrungen verzeihen. Ebenso scheinen mir die Stichprobengrößen nur bedingt groß genug. Aber es geht mir hier nicht um genaue Wissenschaft, sondern um ein grobes Gefühl für die Zahlen.

Nur die Hälfte der Menschen in Deutschland, die einen #Fitnesstracker haben und fürs neue Jahr #guteVorsätze fassen, halten es länger als einen Monat durch. Klick um zu Tweeten

Randnotiz: Fitness-Studios

Etwa 45% der knapp 9,5 Mio Fitness-Studio-Mitglieder trainieren nur einmal im Monat oder weniger. Das sind rund knapp 4,3 Mio Mitglieder, die pro Jahr ~510€ für maximal 12 Einheiten ausgeben.

https://www.welt.de/sport/fitness/article156168148/So-viel-Geld-verschwenden-Deutsche-in-Fitnessstudios.html

Warum überhaupt gute Vorsätze zum neuen Jahr?

Eigentlich verstecken sich hinter dieser Frage mehrere weitere Fragen:

Was macht Vorsätze zu guten Vorsätzen? Gibt es überhaupt schlechte Vorsätze? Warum nehmen wir uns Dinge meist zu einem eher langfristig periodisch wiederkehrenden (Geburtstag, Neujahr) Zeitpunkt vor? Was erhoffen wir uns davon? Und warum beginnen wir nicht jetzt sofort?

Fragenkomplex 1: Was macht Vorsätze zu guten Vorsätzen und gibt es überhaupt schlechte Vorsätze?

Definition

Vorsatz, /Vórsatz/
Substantiv, maskulin oder Substantiv, Neutrum [der]

etwas, was sich jemand bewusst, entschlossen vorgenommen hat; feste Absicht; fester Entschluss

https://languages.oup.com/google-dictionary-de/

Ein Vorsatz ist zunächst einmal also neutral. Das Zivilrecht wird dabei ein wenig präziser und beschreibt explizit die positive (Herbeiführen) und negative (Vereiteln)

Bewusstes Herbeiführen oder Vereiteln eines Erfolges

https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/vorsatz-48973

im Strafrecht überwiegt dann die negative Seite (Straftatbestand):

Vorsatz ist Wissen und Wollen der Verwirklichung der Tatumstände, die zu einem Straftatbestand gehören

https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/vorsatz-48973

Es macht also aufgrund der neutralen Eigenschaft des Vorsatzes Sinn, explizit von guten Vorsätzen zu sprechen. Auch wenn das im Zusammenhang der Neujahrsvorsätze eigentlich nicht notwendig wäre. Zumindest wenn wir vom guten im Menschen ausgehen.

Erwischt …

Spannender finde ich die Frage, warum wir uns das mit den „guten Vorsätzen“ explizit sagen müssen? Haben wir Angst vom Weg abzukommen? Vertrauen wir uns selber so wenig? Oder geht unser gegenüber in einer solchen Situation, qua definitionem eher von der neutralen bis negativen Seite des Vorsatzes aus?

Tatsächlich würde es befremdlich auf mich wirken, wenn mir jemand sagte: „Ich habe zum neuen Jahr einige Vorsätze gefasst.“ – Ein solcher Satz erweckt zumindest bei mir, die Erwartung einer gegen mich gerichteten Aktion/Entscheidung.

Fragenkomplex 2: Was erhoffen wir uns davon Dinge zu einem langfristig periodisch wiederkehrenden Zeitpunkt vorzunehmen, der eigentlich immer in der Zukunft liegt? Warum beginnen wir nicht sofort?

Jeder Tag ist ein neuer Tag und ein frischer Start, um zu lernen, zu wachsen, Stärken zu entwickeln, sich von vergangenem Bedauern oder Verletzungen zu heilen und älter und weiser voranzukommen. Jeder Tag gibt uns die Chance, uns neu zu erfinden, unsere Persönlichkeit zu verfeinern und auf dem, was wir gelernt haben, aufzubauen.

inspiriert und übersetzt von https://www.pickthebrain.com/how-to-make-every-day-a-fresh-start/

Es gibt zwei Aspekte, die vorherrschen, wenn ein Zeitpunkt gewählt wird, der erstens in der Zukunft liegt und zweitens eine besondere Bedeutung in unserem Leben, bzw. unserer Gesellschaft hat.

Zeitpunkt hat „Bedeutung“

Mit Bedeutung meine ich hier, dass wir einen Zeitpunkt wählen, der für uns persönlich eine Bedeutung hat. Jahreswechsel, Geburtstag, Sommeranfang. Manchmal nehmen wir auch vorgegebene Phasen „guter Vorsätze“ zum Anlass (z.B. Fastenzeit), auch wenn wir selbst mit dem Ursprung nicht mehr viel verbinden oder dessen Bedeutung gar nicht kennen.

Interessant finde ich auch die Beobachtung, dass bestimmte „Stichtage“ besondere Prädestinationen für bestimmte Arten guter Vorsätze zu haben scheinen.

Jahreswechsel
  • Vorsätze, die eher extrinsische motiviert, bzw. durch Gruppenzwang erzeugt werden:
    • auf Gesundheit achten,
    • Sport treiben, aber auch
    • Kontakt zu Freunden (soweit dies eine Erwartung der Freunde entspringt „Du könntest Dich ruhig mal öfters melden“)
  • Vorsätze mit „globaler Bedeutung“, wie z.B. umweltbewusst handeln
  • Vorsätze die in zum Thema zyklische Jahresplanung gehören (z.B. „Fiskaljahr“): Geld & Finanzen.
Geburtstag
  • Dinge, die man für sich tut. Meist sehr persönlicher Natur und oft einen festgestellten Mangel ausgleichend. Oft mit Scham verbunden, daher viel seltener ausgesprochen: z.B.
    • auf Gesundheit achten, wenn das letzte „Lebens-„Jahr gesundheitlich schwierig war
    • Kontakt zu Freunden, wenn man sich einsam fühlt
    • sich Wünsche erfüllen / Dinge tun, die man schon immer machen wollte
Sommeranfang
  • Wie beim Jahreswechsel Vorsätze, die eher extrinsische motiviert, bzw. durch Gruppenzwang erzeugt werden. Insbesondere Äußerlichkeiten betreffend:
    • (mehr) draußen Sport treiben
    • Fitter und attraktiver werden. Stichwort „Bikini-Figur“
Jährlich wiederkehrende Fastenzeiten
  • Zwischen Karneval und Ostern (40 Tage) – auf Gesundheit und Ernährung achten, in dem z.B. Verzicht auf Alkohol, Zucker oder Fleisch praktiziert wird.
  • Adventszeit – Verzicht auf Konsum und Medien, als Gegenbewegung und Protest.

Bis auf die sehr persönlichen Vorsätze, die man vielleicht zum eigenen Geburtstag trifft, handelt es sich hier fast ausnahmslos um extrinsisch motivierte Vorsätze. Womit die erste „Sollbruchstelle“ zum Thema „gute Vorsätze“ gefunden wäre.

Zeitpunkt liegt in der Zukunft

Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen

Fast jeder kenn den Spruch und wenn ich die höre muss ich immer an etwas Denken, das Eltern/Großeltern Ihren Kindern/Enkeln sagen. (inzwischen höre ich mich selbst diesen Spruch meinen Kindern sagen … ich werde alt).

Die Bedeutung ist klar:

notwendige, wichtige, wenn auch manchmal unangenehme Aufgaben gleich erledigen, nicht (auf morgen) verschieben, weil später vielleicht die Gelegenheit nicht mehr besteht oder andere/scheinbar wichtigere Dinge Priorität haben, auch summieren sich dann die Aufgaben/Arbeiten, und dann kommt man mit der Erledigung nicht mehr hinterher.

https://www.sprichwoerter-redewendungen.de/sprichwoerter/was-du-heute-kannst-besorgen-das-verschiebe-nicht-auf-morgen/

Spannend finde ich folgenden Aspekt:

… auch heute schiebe ich gerne mal unangenehme Dinge vor mir her, finde schnell mal Ausreden.

https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&id=10586

Da steht es „unangenehme Dinge„.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Definition eine zukünftigen Zeitpunktes um etwas zu beginnen in Wahrheit der Ausdruck ist nicht wirklich damit beginnen zu wollen. Zweite „Sollbruchstelle “ zum Thema „gute Vorsätze“.

Prokrastination – auch aus psychologisch Sicht schwierig

Die psychologische Forschung zu Prokrastination bestätigt den Inhalt des Sprichworts „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“: Das Aufschieben von Tätigkeiten hat demnach negative Folgen für das gesundheitliche, finanzielle und soziale Leben eines Einzelnen.

Autor: Thomas Andreas Diller
Verlag: Springer Berlin Heidelberg
https://www.springerprofessional.de/was-du-heute-kannst-besorgen-das-verschiebe-nicht-auf-morgen/10557424

Prokrastination – „negative Folgen für das gesundheitliche, finanzielle und soziale Leben“ – Heisst das nicht auch, dass gute gesundheitlichen Vorsätze für neue Jahr allenfalls ein Nullsummenspiel sind?

Zusammenfassung

#GuteVorsätze zum neuen Jahr sind oft nicht nachhaltig, weil der Beginn zu einem zukünftigen Zeitpunkt Ausdruck von #Prokrastination ist. Die Motive hinter diesen Vorsätzen sind außerdem meist ausnahmslos #extrinsisch|er Natur. Klick um zu Tweeten

Standardbild
Chris B. Kerndter
Artikel: 4

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