Schulklassen, Schulnoten und ein Exkurs ins Produktmanagement

Lesezeit: 6 Minuten

Schulklassen entsprechen industriellen Produktionslosen und Schulnoten fungieren als Qualitätskriterien. In diesem Blogpost setze ich mich damit auseinander, warum das System heute (und wahrscheinlich auch zur Zeit seiner Einführung) nicht wirklich zielführend ist.

Schulklassen als Produktionslose

Eine der grundlegenden, noch aus der Industrialisierung stammenden Eigenschaften unseres Schulsystems ist die stapelweise „Verarbeitung“ unserer Kinder.

(Ihr werdet sehen, dass der Vergleich mit der industriellen Produktion passt, auch wenn dieser immer absurder wird, je konsequenter man diesen beibehält.)

  • Das „Bildungs-Produkt“ ist ein Mensch, welches in unsere Gesellschaft als wertschöpfendes Element eingefügt werden kann.
  • Die Produktion erfolgt auf einer 9- bis 13-schrittigen Produktionslinie namens „Schule“.
  • Die Produktion erfolgt meist in Losen von ~ 20 – 30 Einheiten. Ein Produktionslos nennt man „Schulklasse“.

Ausgebildete Kinder als Ersatzteile für unsere Gesellschaft

Das Bildungs-Produkt scheint mir aktuell und öffentlich unzureichend definiert. Welchen Wert soll das Kind (als Produkt) für wen schaffen? Wer ist der Kunde?

Wenn ich darüber nachdenke, für wen das Produkt einen Wert schafft, dann muss der Kunde die Gesellschaft sein. Die Gesellschaft beauftragt also den Staat (in Deutschland sind es die Länder) damit, ein „passendes“ (Ersatz-)Teil für sich selbst zu schaffen. Der Verschleiß des Systems (z.B. Tod, Rente, Auswanderung) führt zum Bedarf von Ersatzteilen. So wird die Leistungsfähigkeit des Systems beibehalten.

Das ist jetzt ein wenig dark, aber es erinnert mich irgendwie an den Film „Die Matrix“:

Schulklassen als Produktionslose für Ersatzteile unserer Gesellschaft.
Neo erwacht und realisiert. (Im wahrsten Sinne des Wortes)

Schulklassen – Vollständig unperfekte Produktionslose

Ein Exkurs

In einem industriellen Produktionsprozess geht man davon aus, dass das Rohmaterial stets gleichartig und frei von Verunreinigungen ist. Die gleichmäßige Qualität des Produktes ist sonst nicht zu gewährleisten.

Dies funktioniert bei Produkten, bei denen es zur Qualitätssicherung objektive Maßstäbe bei der sensorischen Qualitätssicherung gibt. Diese Art von Qualitätssicherung ist bei rein funktionalen Produkten anwendbar. Allerdings sind diese Produkte meist wenig komplex und erfüllen für den Kunden nur einfache Aufgaben.

Einfaches Beispiel: Ein Gartenrechen
Ein einfacher Gartenrechen
Ein Gartenrechen

Das Produkt besteht aus Holz und Metall. Beide Materialien müssen ein bestimmtes Maß an Festigkeit haben. Für Männer (mit meist mehr Kraft) muss das Material ggf. ein wenig stabiler sein als für eine Frau oder ein Kind. Wobei mehr Stabilität für Kunden mit weniger Kraft kein Hindernis ist. Außerdem muss die Größe für den Nutzer passen. Hier brauchen wir Unterschiede: Ein Rechen für Kinder ist viel kleiner und hat einen dünneren Stiel. Dies wiederum beeinflusst die Stabilität. Bei einem Kind mit weniger Kraft ist das jedoch unproblematisch.

Hier sind die Qualitätskriterien physikalisch messbar und können objektiv festgelegt werden.

Bei moderneren Varianten dieses Produkts kommen Aspekte hinzu, die durch eine objektive Qualitätssicherung nicht mehr zu erfassen sind..

Komplexeres Beispiel: Das „***“-System von *** (Anbieter für Gartengeräte-Systeme)

(Ich möchte weder werben noch anprangern, deshalb die *** als Platzhalter für Marken und Firmennamen)

Faktisch ist der System-Rechen nicht anders als der Holz-Rechen. Er erfüllt den gleichen Zweck und es gelten grundsätzlich die gleichen o.g. Qualitätskriterien.

Beim Betrachten der Produktpalette und Flexibilität des Systems entstehen Gefühle. Diese sind sehr wahrscheinlich andere als im ersten Beispiel.

Beim einfachen Gartenrechen schwingt etwas Altmodisches mit. Dies kann bei manchen Menschen, die „Clean Living“ betreiben, durchaus positiv konnotiert sein. Handarbeit, kein Plastik, usw. …

Beim „modernen“ Gartenrechen(-System) hingegen überwiegt eher ein Gefühl von praktisch, vielseitig, weniger langweilig. Es ist farbig, es braucht (vielleicht) weniger Platz im Schuppen und es hat Plastik-Teile. Das (Produkt-)System erfüllt das Ziel mit einer höheren Produkt-Effizienz. Wenn auch bei sehr wahrscheinlich höheren Kosten, sowohl ökonomisch (Herstellung und Verkauf) als auch für unsere Umwelt. Das Produkt ist irgendwie „moderner“.

Emotionale Nutzungsfaktoren

Diese emotionalen Nutzungsfaktoren lassen sich nicht mehr einer herkömmlich Qualitässicherung unterziehen. Ob der ein oder andere ein Produkt als gut oder schlecht bewertet, hängt stark von den Gefühlen ab, die derjenige einem Produkt entgegenbringt.

Hier ist nun das Marketing gefragt. Trigger und Assoziationen müssen die potentiellen Kunden zu den „richtigen“ Gefühlen hinmanipulieren. Dann steht dem Verkauf des Produkts nichts mehr im Wege.

Ein geschicktes Produkt-Marketing verändert die Kriterien. Hierzu werden die Bewertungs-Skalen beim Kunden verändert. Subjektive Kriterien überlagern objektive. Die Emotionen, die dann der subjektiven Bewertung zugrunde liegen, werden manipuliert. So funktioniert Kundenbindung (aus Sicht der Hersteller).

Ein interessanter Aspekt ist, dass solche Systeme einen Lock-In-Effekt erzeugen.

„Hach jetzt habe ich mir den (teuren) Rechen von XY gekauft, dann kann ich ja jetzt noch eine Astsäge kaufen (die ich nur 1x im Jahr brauche … und eigentlich nervt mich der Baum sowieso)“

nach einer wahren Begebenheit 🙂

Exkurs Ende —

(hmmm, mal schauen, wie ich hier die Kurve krieg‘ …)

Zusammenfassung
  • Um einfache Produkte zu erzeugen, brauche ich nur objektive (messbare) Qualitätskriterien und gutes Ausgangsmaterial.
  • Sobald die Produkte komplexer werden, brauche ich zur Bewertung neben den objektiven Qualitätskriterien weitere Faktoren (z.B. Emotionen). Diese müssen bei der Produktentwicklung und im Marketing berücksichtigt werden.
Komplexe Produkte lassen sich nicht über einfache Qualitätskriterien bewerten oder anders ausgedrückt: Die Qualität der durch unsere Kinder empfangenen Schulbildung lässt sich nicht mit Noten messen. Klick um zu Tweeten

(ok, ich glaube das hat geklappt)

Kinder sind kein Rohmaterial, nicht gleichartig, niemals frei von „Verunreinigungen“ und schon gar nicht einfach

(Ich spreche da als Vater dreier völlig verschiedener Töchter aus Erfahrung!)

Die Ansprüche an das Bildungs-Produkt sind heute andere als vor 150 Jahren. Vor allem die Komplexität des Systems (Gesellschaft), für das die „Ersatzteile“ geschaffen werden, ist heute eine andere als früher. Allerdings sind die Produktions-Mechanismen noch nahezu identisch.

Wie oben ausgeführt sind vor allem die Ansprüche an das Rohmaterial und an das fertige Produkt gestiegen. Keiner käme auf die Idee, ein modernes Auto mit den Produktionsmitteln und Materialien von früher zu bauen.

Neben den Ansprüchen an das Rohmaterial, hat sich aber auch das Material selber verändert, denn die vorgelagerte „Zulieferindustrie“ namens „Familie & Erziehung“ funktioniert heute anders. Der regelmäßige auftretende Generationenkonflikt (seit Einführung des Schulsystems, gab es davon 7-8) ist zugleich Auslöser & Beleg für die Veränderung.

Viel mehr zeigt das vielleicht sogar der Versuch, die letzten Generationen in X, Y oder Z zu kategorisieren und dadurch die Eigenschaften der Kinder zu generalisieren und in diese Schubladen zu stecken.

Aus einer industriellen Sicht ist jedoch jede Art von Individualität eine „Verunreinigung“, die in standardisierten Prozessen Schwierigkeiten bereitet.

Kinder sind und waren noch nie Rohmaterial im industriellen Sinne. Warum wird dann immer noch versucht in Schulklassen Lose gleichartiger Einheiten zu verarbeiten? Klick um zu Tweeten

Lösungsansätze

„Losgröße 1“ statt Schulklassen mit 20 – 30 Kindern

Wie geht die Wirtschaft und Industrie mit der aktuellen Situation um?

Ein Ansatz ist die Losgröße 1, bei der mit Hilfe von 3D-Druck, intelligent vernetzten Produktkonfigurationen und IT-Technologien neue Herangehensweisen an die Produktion geschaffen werden.

Eine Übertragung des Themas "Losgröße 1" auf unsere Bildungssysteme muss schnellstmöglich diskutiert werden. Klick um zu Tweeten

„Losgröße 1“ auf unser derzeitiges Schulsystem anzuwenden, ist aktuell undenkbar. Ein Zwischenschritt wäre, Erkenntnisse zu Teamgrößen auf die Größe von Schulklassen anzuwenden. So ließe sich eine gute Balance zwischen Teamfähigkeit und Individualismus erreichen.

Neu-Definition der Wertschöpfung

Zunächst sollten wir definieren, durch und für wen hier ein Wert geschaffen werden soll.

Meiner Meinung nach sollte auch hier #derMenschImMittelpunkt gelten. Denn auch wenn uns als Kinder immer gesagt wurde: „Ihr lernt nicht für die Schule (das System selbst), sondern für’s Leben!“, kam, zumindest bei mir, nie so wirklich heraus, dass es beim Leben um UNSER Leben als MENSCH geht und nicht um unsere Produktivität für die Gesellschaft.

Lebenslanges Lernen

Auch ein Aspekt, der in der Schule zu wenig oder gar nicht vermittelt wird: Das Lernen hört mit der Schule nicht auf!

Durch die Produktionszyklen von einem Jahr (Schuljahr) und die Qualitygates (Prüfungen), die dann auch noch „Abschluss“ heißen, wird suggertiert, dass man irgendwann fertig ist mit dem Lernen. Teil der inhaltlichen Anforderungen an ein besseres Schulsystem sollte sein, dass völlig klar gemacht wird, dass die Schule nur der erste Schritt auf einer langen Reise ist.

Tagged as: , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.