Warum wir ein neues Schulsystem brauchen.

Lesezeit: 8 Minuten

Sinn und Unsinn – Gedanken über unser Schulsystem in einer digitalen Zeit. Unser Schulsystem ist veraltet. Oldtimer sind schön, erfüllen aber nicht wirklich mehr den Zweck moderner Mobilität. Genauso ist es mit unserem Schulsystem.

Vorwort

Vor einiger Zeit schrieb ich einen wenig beachteten Blog-Artikel mit dem Titel „Why do we need a new way of school teaching?“. Dass er wenig beachtet war, stört mich nicht; dieser wird vermutlich das gleiche Schicksal der Bedeutungslosigkeit ereilen.

Ich habe zwei Töchter, die sich gerade mitten in diesem Schulystem befinden, daher liegt mir das Thema am Herzen. und ich möchte – durch einen Impuls meiner lieben Kollegin @andreaeisenfrau befeuert – nochmal meine Gedanken dazu loswerden. Diesmal auf Deutsch.

Das Schulsystem stammt aus dem vorletzten Jahrhundert des letzten Jahrtausends

Wie ich bereits im Ursprungsartikel schrieb, stehen wir vor folgendem Problem:

„Education is modelled on the interests of industrialisation and in the image of it“

(Bildung ist im Interesse der Industrialisierung und nach ihrem Vorbild modelliert)

Sir Ken Robinson„Changing Education Paradigms“TED

Irgendwann zwischen der ersten und zweiten industriellen Revolution (also so grob zwischen 1762 und 1920) entstand unser Schulsystem. Dieses hat sich seit dieser Zeit natürlich weiterentwickelt. Die grundlegenden Merkmale sind jedoch erhalten geblieben:

  • Schulklassen, in denen Schüler „gleichen Alters“ zusammen unterrichtet werden.
  • Ein Bewertungssystem, welches vor allem individuelle Leistung honoriert.

Schulklassen – Chargen und stapelweise Verarbeitung

Aus industrieller Sicht ist das Erledigen gleichartiger, standardisierter Aufgaben prädestiniert für eine stapelweise Verarbeitung.

Hier entsteht nun das Problem: Zu dem Zeitpunkt als das erste mal überhaupt standardisierte Bildung eingeführt wurde, machte es Sinn, eine Struktur zu schaffen, die den Aufwand niedrig hält. Erleichtert wurde dies durch deutlich einfachere Anforderungen an das Produkt „Bildung“. Es ging darum, überhaupt erst einmal standardisiert auszubilden. Lesen, Schreiben, Rechnen, körperliche Ertüchtigung, ggf. Haushaltskunde, Kochen u.ä..

Da war es auch nicht so wichtig, wenn nicht alle mitkamen, 80% war gut genug. Den Rest nennt man in der Produktion „Ausschussware“. Vielleicht wurde noch – mehr oder weniger erfolgreich – versucht, extrinsisch über Noten oder Züchtigung nachzujustieren.

Der Effekt war dennoch beeindruckend: Kinder konnten nun (plötzlich) fast flächendecken Lesen und Schreiben.

Noten – Qualitätssystem und Ausschuss

Um die Qualität einer Charge (Jahrgang/Schulklasse) zu beurteilen, macht es Sinn, Qualitätskriterien (Wissen/Teilnahme) einzuführen und diese zu bewerten. Alles, was den Qualitätskriterien in einer Charge nicht entspricht, wird nachgearbeitet (nicht versetzt). Ist das Nacharbeiten auch mehrmalig nicht erfolgreich, entsteht Ausschuss.

Auch das, aus industrieller Sicht alles völlig schlüssig.

Die Industrialisierung ist vorbei*

*) je nach Definition wird die dritte Industrielle Revolution mit der Digitalen Revolution gleich gesetzt. Hier gibt es eine gute Übersicht von Industrie 1.0 bis 4.0

Seit den 70er Jahren und dem Einzug der Computer in unser Leben hat sich einiges dramatisch verändert. Nur nicht die Grundzüge unseres Schulsystems. Bildung ist aus der Phase der Genesis (zumindest in weiten Teilen der Welt) längst in die Phase der Commodity übergegangen. Die Lösungen für das Produkt „Bildung“ schaffen heute eine wesentlich höhere Wertschöpfung als früher. Und weil die Produktionslinien, die Bildung generieren, immer effizienter geworden sind, ist man den Weg gegangen, dem Produkt immer mehr Features zu verpassen. Heute gibt es so exotische Schulfächer wie z.B. Schach, Segelfliegen oder Glück.

Es stellt sich mir die Frage, welche Werte für das Leben der Kinder hier geschaffen werden? Die Schule soll auf das Leben vorbereiten. Ob aber in unserer heutigen Zeit ein Wahlpflichtfach „Weinbau“ zielführend ist, wage ich zu bezweifeln. Außer natürlich, man möchte den elterlichen Betrieb übernehmen, in welchem Fall man dieses Wissen aber auch direkt dort erlangen könnte.

Was hat sich durch die Digitalisierung verändert?

Zugang zu Information

Die dritte industrielle oder auch erste digitale Revolution hat vor allem den Zugang zu Information drastisch verändert. Daraus ergibt sich, dass das Aneignen von Wissen weniger relevant ist. Früher musste man – um spezielle Informationen zu erlangen oder in Literatur zu recherchieren – in die Bibliothek gehen. Heute können als Primärquelle Dienste wie z.B. das zvdd – Zentrals Archiv digitalisierter Drucke, Google Books, Google Scholar oder diverse digitalisierte Archive genutzt werden. Als Sekundärquelle kann das gesamte Internet oder z.B. Wikipedia oder Brockhaus Online genutzt werden.

Und dann gibt es noch die Khan-Akademie:

Unsere Mission ist es, eine erstklassige und kostenlose Bildung für weltweit Jeden anzubieten.

Khan-Akademie

Umgang mit Quellen

Und hier zeigt sich schon eine Herausforderung. Beim Umgang mit diesen Quellen, die uns mit Information versehen, sind heute andere Skills gefragt oder rücken einfach nur in der Vordergrund. Z.B. das Bewerten von Quellen und die Unterscheidung von Primär- und Sekundärquellen.

Früher hat man dem Lehrer alles geglaubt. Die Bewertung der Quelle wurde nicht gefordert und war noch nicht einmal gewünscht. Der Lehrer war Autorität und Manager im tayloristischen Sinne. Der Lehrer denkt, der Schüler macht. Dies führte zu einem rein reproduktivem Lernen, welches Kritik, eigene Schlussfolgerungen, geschweige denn kreativer Umgang mit Wissen unterdrückte.

Heute ist das in Teilen schon anders. Einige Dinge haben sich bereits in diesem Sinne positiv verändert. Der Lehrer ist zwar noch Wissensvermittler, andere Quellen werden jedoch immerhin schon geduldet. (Auch, wenn ich von meinen Töchtern dennoch immer wieder mal höre: „Herr XY hat aber das und das gesagt.“ und es mir dann trotz Belegen kaum gelingt, sie von Alternativen zu überzeugen.)

Fakten-Wissen ist verfügbar – was gibt’s sonst?

Was noch zu einem großen Teil fehlt ist z.B. die Vermittlung von Wissen über den Umgang mit Wissen und Informationen, also Meta-Wissen. Es gibt zwar Fächer, die sich mit Meta-Themen beschäftigen (z.B. LdL – Lernen des Lernens), wirklich fundiert scheint mir das dort vermittelte Wissen jedoch nicht. Didaktik ist zwar Teil eines pädagogischen Studiums, jedoch soweit ich weiß nicht in Form von „Didaktik als Schulfach“. Das Wissen zu diesen Themen eignen sich die Lehrkräfte also scheinbar weitestgehend selber an.

(Der letzte Abschnitt besteht aus vielen Annahmen und Bauchgefühl, welches sich aus Beobachtungen ergibt. Gerne lass ich mich da vom Gegenteil überzeugen.)

Welche inhaltliche Anforderungen ergeben sich daraus für ein besseres Schulsystem?

Life-Skills statt Wissensvermittlung

Einfach gesagt muss unser Schulsystem sich von einem System zur Wissensvermittlung hin zu einem System zur Vermittlung von Life-Skills wandeln.

Und für alle, die jetzt aufschreien: Ja natürlich gehört dazu auch Lesen, Schreiben (auch per Hand), Mathematik und Sport.

Objektivität & Quellenkunde

Die Schule muss konsequent die Fähigkeit zur Bewertung von Quellen schulen. In diesem Zusammenhang könnte auch über Urheberrecht und vielleicht sogar Datenschutz gesprochen werden.

Politische & gesellschaftliche Aufklärung

Die Veränderungen der Gesinnungen in unserer Gesellschaft haben einen starken Auslöser in der Globalisierung. Aufklärung über gesellschaftliche Mechanismen (Aktuell z.B. der Vergleich 1933 und heute) sollte im Politik- und Geschichtsunterricht im Mittelpunkt stehen. Es muss in dem Kontext weniger über Was und Wann, sondern mehr über Warum diskutiert werden.

Musik & Kunst

Wir brauchen keinen reproduzierenden und bewertenden Musik- und Kunstunterricht. Viel mehr müssen wir Freiräume für die Kinder schaffen, in denen Sie sich entdecken und ausleben können. Klick um zu Tweeten

Glück & Motivation

Erfolg macht nicht glücklich, zumindest nicht auf Dauer. Wenn ich erfolgreich bin, werde ich oder andere mir immer höhere Ziele stecken. Das führt dazu, dass ich immer meinem Glück hinterher jage, es aber eigentlich nie wirklich erreiche.

…, dass die meisten Firmen und Schulen die folgende Erfolgsformel anstreben: Wenn ich mehr arbeite, bin ich erfolgreicher. Und wenn ich erfolgreicher bin, bin ich glücklicher. Das unterstreicht die meisten unserer Erziehungs- und Management-Methoden und die Art, wie wir unser Verhalten motivieren. 

Shawn Achor: Das glückliche Geheimnis besserer Arbeit

In der Realität ist es anders herum:

Wenn Sie den Level der Positivität einer Person in der Gegenwart erhöhen können, dann erlebt ihr Gehirn das, was wir nun den Glücks-Vorteil nennen, das bedeutet, dass das Gehirn im positiven Zustand wesentlich bessere Leistungen liefert als im negativen, neutralen oder gestressten Zustand.

Shawn Achor: Das glückliche Geheimnis besserer Arbeit

Die Schule muss diesen Fakt verdeutlichen, belegen und den Kindern Möglichkeiten aufzeigen, wie Glück – unabhängig von Erfolg – erreicht werden kann.

Körperkunde – Sport, Ernährung & Gesundheit

Sport im Sinne von Leistungserbringung macht nur Sinn, solange er nicht negativ bewertet wird und Neigungs- und Leistungsgruppen gebildet werden.

Viel wichtiger ist aber meiner Meinung nach das Verständnis dafür, wie unser Körper funktioniert und wie Schlaf, Ernährung und körperliche Leistungsfähigkeit zusammenspielen.

In diesem Zusammenhang könnte auch über schädliche Einflüsse, Sucht, Psychologie etc. gesprochen werden.

Natur- & Umweltschutz

Ich denke, hierüber muss nicht viel gesagt werden.

Logik

Ausgehend von oder parallel zur Mathematik brauchen wir einen größeren Fokus auf Logik. Praktisch Programmieren lernen muss meiner Meinung nach nicht jedes Kind, allerdings sind die Grundstrukturen von Programmiersprachen eine sehr gute Vorbereitung, Ergänzung oder Übung für oder in einem Schulfach Logik.

Veränderung

Die Menschen fühlen sich verunsichert, haben Angst und fühlen sich zurückgelassen. Die Veränderungen unserer Welt kommen ohne Unterstützung für die Menschen in der Gesellschaft an.

Diese immer schneller kommenden Veränderungen werden als Bedrohung empfunden. Was wir in unserer Gesellschaft sehen, sind ganz basale Kampf-oder-Flucht-Reaktionen. Hier braucht es mehr Aufklärung.

Die Schule sollte auf aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen eingehen, diese erklären und Unterstützung anbieten. Der Einfluss von Kindern auf die Eltern sollte nicht unterschätzt werden.

Globalisierung – Zusammen statt getrennt

In unserer kapitalistischen Welt stehen beim Thema Globalisierung immer die wirtschaftlichen Auswirkungen im Mittelpunkt. Und so gut wie immer geht es darum, dass die Dinge schlechter werden und dass eine Krise bevorsteht.

Wir müssen in der Schule mehr darüber sprechen, dass und warum der Mensch im Mittelpunkt steht, stehen muss. Wir sollten auch darüber reden, warum in der Vergangenheit Nationen entstanden sind und es sollte darüber diskutiert werden, ob das Nationalstaatenkonzept noch Sinn macht. Stichwort: „Vereinte Nationen“

Welche methodischen Anforderungen sollte ein modernes Schulsystem erfüllen?

Im aktuellen Schulsystem wird meist die Leistung eines Individuums bewertet, natürlich gibt es auch Gruppenreferate usw., die Jahresabschlussbewertung ist jedoch meines Wissens so gut wie immer individuell.

In der Vergangenheit und im Kontext von Wissensvermittlung macht das auch mehr Sinn. Denn es wurde bewertet, ob jeder einzelne das vermittelte Wissen im Kopf hatte. Vor dem Hintergrund des inzwischen überall verfügbaren Wissens macht das nicht mehr viel Sinn.

Bewertete Individualleistung führt zu Konkurrenz-Denken. Dieses wiederum befeuert ein "Ich bin besser als Du", welches trennt statt zu verbinden. Es erschwert Toleranz und Diversität. Klick um zu Tweeten

Was wir brauchen sind Gruppen- oder besser Teamleistungen. Auch hierbei muss mehr Wert auf das Wie und Warum als auf das Was gelegt werden. Wie wurden die Ergebnisse erarbeitet? Warum hat die Gruppe sich für diese Ergebnis entschieden? Und NICHT: Was wurde geleistet?

Die Lehrer müssen den Kindern Ziele/Themen vorgeben und den Prozess der Wissenserlangung moderieren und unterstützen. Auch Lehrer müssen sich aus ihrer tayloristischen Manager-Rolle lösen und die Fertigkeit von Leadern entwickeln.

Was ich mir für meine Kinder wünsche – Eine DoR* für ein besseres Leben

*) DoR = Definition of Ready = Ich möchte, dass meine…

Ich möchte, dass meine Kinder …

  • … kommunizieren können und formal korrekt, geschriebene Informationen produzieren und verstehen können.
  • … verstehen, wie Sprache funktioniert und was diese bewirken kann. – Im Positiven, wie im Negativen.
  • … Quellen und Wahrheitsgehalte von Aussagen über eigene Recherche bewerten können oder zumindest grundsätzlich erst einmal in Frage stellen.
  • … einen moralisch und ethischen Werte-Kompass haben, der auf Toleranz und Wertschöpfung basiert.
  • … analytische Fertigkeiten haben und logisch denken können.
  • … über körperliche und seelische Widerstandskraft verfügen und über Selbst-Erhaltung und -Pflege Bescheid wissen.

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